
* * * * *
Sehr beeindruckend !!!
Bevor er 2017 in der
Türkei inhaftiert wurde, kannte ich Deniz Yücel nicht.
Doch durch die vielen
Medienberichte habe ich einiges von #FreeDeniz mitbekommen und die
Entwicklungen dann interessiert verfolgt.
Auf der Buchmesse im Oktober 2019 habe ich ihn Live bei
einer Diskussionsrunde erlebt und war ziemlich beeindruckt. Daraufhin habe ich
dann direkt sein Buch gelesen.
`Agentterrorist` beginnt in der Zeit vor der
Festnahme, Deniz Yücel war damals Türkeikorrespondent der „Welt“ und lebte in
Istanbul. Zu diesem Zeitpunkt war er noch der Auffassung, ihm könne nicht wirklich
viel passieren, wenn er seine Meinung kundtat. Doch das stellte sich als
schrecklicher Irrtum heraus.
Nach einem längerem Aufenthalt in Polizeigewahrsam wurde er im März 2017 in das
Hochsicherheitsgefängnis Silivri Nr.9 verlegt.
Deniz Yücel berichtet ausführlich, unter die Haut gehend, wie eine Anklage in
der Türkei abläuft - dass Richter und
Staatsanwälte meist in der gleichen Wohnanlage wohnen, zusammen im Dienstwagen
zum Prozess fahren und dementsprechend auch die Verhandlungen laufen. Für die
Urteilsbesprechungen werden die Anwälte aus dem Saal geschickt, die
Staatsanwälte bleiben. Es waren extrem viele, für uns unfassbare Dinge, die
Yücel erzählt hat. Wäre es nicht so schreckliche Realität, ich hätte es schon
fast wie einen Krimi gelesen.
Allerdings habe ich mich mit dem Lesen auch immer wieder schwergetan. Yücel
schreibt sehr sprunghaft, kommt vom `Hölzchen auf Stöckchen´, wie man sagt.
Gerade berichtet er aus dem Gefängnis, im nächsten Satz geht es um andere Personen in einem anderen Jahr und im dritten Satz wieder um etwas anderes. Auch wurden sehr
viele Leute namentlich genannt, die wohl niemand im Nachhinein noch wirklich
auseinanderhalten konnte. Journalisten, Zeitungsmitarbeiter insgesamt,
Politiker, Staatsanwälte, Freunde, Richter, Gefängnisinsassen usw. Sicher lag
es teilweise auch an den fremd klingenden Namen.
Auf jeden Fall bin ich der Meinung, dass der Stoff bestimmt für drei Bücher gereicht hätte.
Deniz berichtet über seine Isolationshaft mit den üblichen Schikanen, aber auch
über Freundschaft, Liebe und kleine Glücksmomente. Es heißt immer wieder kämpfen, sich nicht hängen lassen, nicht
aufgeben.
Durch geschickte Überlistung seiner Wärter und
Aufsichtsbeamte schafft er es in der Zeit, ein Buch zu schreiben und es
hinauszuschmuggeln. Die Art und Weise, wie er das angestellt hat, ließ mich oft
schmunzeln, genau wie einige andere Szenen, was mir zeigt, dass er seinen Humor
trotz allem nicht verloren hat.
Streckenweise bewundere ich Yücel, andererseits hätte ich ihn manchmal am
liebsten geschüttelt, und ich glaube, seiner Ehefrau ging es ähnlich. Sie hätte
ihn sich sicher oft weniger forsch gewünscht - z.B. duzt der Staatsanwalt ihn einfach, Deniz lässt sich das nicht
gefallen, duzt zurück, genau wissend, dass ihm das nicht von Vorteil sein kann.
Aber er ist ein Kämpfer und garantiert kein Feigling.
Auch zu verschiedenen Zitaten, die immer wieder im Internet auftauchen, nimmt
er Stellung. Es handelte sich damals um Satire, doch was einmal, aus dem
Zusammenhang gerissen, geschrieben steht, bleibt so und taucht immer wieder
auf.
Ich fand ´Agentterrorist´ hochinteressant,
spannend, manchmal erschreckend, manchmal auch durchaus amüsant - vor allem,
weil ich mich für dieses Thema vorher nicht sonderlich interessiert habe und
ich nun ganz neue Einblicke bekommen habe.

Vielen Dank an den
KiWi Verlag für die Zusendung des Rezensionsexemplares.