Dienstag, 11. August 2026

Rezension: `Zwei Leben- solange ich atme` von Astrid Korten


* * * * *

Sehr bewegend!














1941, Minsk. Von einem Tag auf den anderen wird Anna mit ihrer Familie aus ihrem behüteten Leben gerissen, nur weil sie Juden sind. Das große Haus, die Dienstboten, die regelmäßigen Mahlzeiten, all das wird gegen ein einziges Zimmer im belarussischen Ghetto eingetauscht, in dem vier Menschen auf engstem Raum ums Überleben kämpfen müssen. Der Vater, einst angesehener Zahnarzt, schleppt nun Steine, die Mutter arbeitet ebenfalls in der Zwangsarbeit. Anna muss die Gleise reinigen, während der kleine Matthias allein im Zimmer bleibt. Als Belohnung gibt es ein paar Löffel einer Gemüsesuppe, die fast nur aus Wasser besteht. Hunger, Not und ständige Angst bestimmen ihr Leben.

Tag für Tag erleben die Menschen im Ghetto unvorstellbare Brutalität. Demütigungen, Misshandlungen, willkürliche Erschießungen, verübt von Männern, die noch vor kurzem ihre Nachbarn waren. Inmitten dieser Grausamkeit lernt Anna den Jungen Mischa kennen, der sich mit Handel und Diebstahl über Wasser hält. Zwischen ihnen entsteht eine vorsichtige Freundschaft, und Anna erfährt, dass Mischa im Widerstand aktiv ist. Nach mehreren traumatischen Erlebnissen schließt sie sich ihm an, ein Schritt, der ihr Leben für immer verändern wird.

Parallel dazu führt uns eine zweite Zeitebene ins Jahr 2000. Anna, inzwischen fast 80 Jahre alt, hat mit ihrer Familie nie über den Krieg gesprochen. Erst als ihre Enkelin ein Schulprojekt über die Erlebnisse der Großeltern im Krieg bearbeitet, entscheidet Anna, nach Minsk zurückzukehren. Dort brechen Erinnerungen auf, die sie jahrzehntelang tief in sich vergraben hat, doch überraschenderweise tut es gut, sich ihnen endlich zu stellen.

Astrid Korten beschreibt die Zustände im Minsker Ghetto eindrucksvoll und erschütternd. Den Hunger, die schwere Arbeit, die ständige Todesangst, die Willkür der Täter. Anna ist eine starke, vielschichtige Protagonistin, deren innere Entwicklung man intensiv miterlebt, bis hin zu dem Punkt, an dem Leben und Tod für sie kaum noch einen Unterschied zu machen scheinen. Der Besuch in Minsk zeigt, wie tief die Wunden sind, aber auch, dass es manchmal heilend sein kann, sich der Vergangenheit zu stellen.

Mit diesem Roman beweist Astrid Korten erneut, dass sie nicht nur brillante Thriller schreiben kann, sondern auch menschliche Schicksale mit berührender Feinfühligkeit und Empathie erzählt. Ein bewegendes Buch, das beweist, dass selbst aus tiefster Dunkelheit ein Weg zurück ins Leben führen kann.

                                 






Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Bitte beachtet, dass eure Daten beim Kommentieren für diesen Zweck von Blogger verarbeitet, bzw. gespeichert werden müssen. Wenn Ihr einen Kommentar abgebt, erklärt Ihr euch damit einverstanden.